Militär, Auf- oder Abrüstung, gern auch als “Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik” bezeichnet, steht in den Programmen der Parteien meist ziemlich hinten; da ich mich für das Thema aber am meisten interessiere, beschäftige ich mich damit hier als erstes. Mit den anderen Themen kenne ich mich nicht so gut aus.
Mir geht es vor allem um folgendes:
Im Vertrag von Lissabon steht: “ Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern”. Das heißt: Verpflichtung zur Aufrüstung, das heißt immer mehr Ausgaben für Rüstung, und das heißt doch: in den Haushalten ist immer weniger Geld für soziale und andere Aufgaben übrig. Damit sind alle hehren Ziele bezüglich einer Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerung in Frage gestellt.
Im Vertrag von Lissabonn steht weiterhin: ” Die Agentur für die Bereiche Entwicklung der Verteidigungsfähigkeiten, Forschung, Beschaffung und Rüstung (im Folgenden “Europäische Verteidigungsagentur”) ermittelt den operativen Bedarf und fördert Maßnahmen zur Bedarfsdeckung, trägt zur Ermittlung von Maßnahmen zur Stärkung der industriellen und technologischen Basis des Verteidigungssektors bei und führt diese Maßnahmen gegebenenfalls durch….”.
Im Vertrag über eine Verfassung für Europa, der am 29. Oktober 2004 unterschrieben wurde, aber bekanntlich nie in Kraft getreten ist, weil ihn einige Völker nicht razifiziert haben, steht: “Es wird eine Agentur für die Bereiche Entwicklung der Verteidigungsfähigkeiten, Forschung, Beschaffung und Rüstung (Europäische Verteidigungsagentur) eingerichtet….”. Es wird… aber wie ich in Wikipedia lese, ist diese Verteidigungsagentur bereits im Herbst 2004 auf Beschluss des Europäischen Rates gegründet worden – die brauchten dazu gar keine Legitimation durch einen Vertrag, und der Vertrag von Lissabon kann sich locker darauf berufen.
Wie stehen nun die verschiedenen Parteien zu dieser Aufrüstungs-Verpflichtung, zu dieser immer stärkeren Militärisierung Europas ?
In der Reihenfolge des Wahlzettels:
CDU: Sie sagt dazu eigentlich gar nichts. Es steht da etwas über “Verzahnung den inneren und äußeren Sicherheit” und gemeinsamer Terrorismusbekämpfung. Sonst steht da nur: “Wir werden uns für den Abschluss des Ratifizierungsprozesses und die Umsetzung des EU-Reformvertrags von Lissabon einsetzen” Also die CDU steht für die weitere Militarisierung Europas
Die CSU; die zwar nur in Bayern antritt, aber ein eigenes Programm hat, sagt: “Die gemeinsame Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik muss in ihren Instrumenten breit angelegt werden und darf sich nicht nur auf Militärisches konzentrieren. Eine vernetzte Strategie muss darüber hinaus wirtschaftliche, diplomatische, soziale, polizeiliche und entwicklungspolitische Maßnahmen umfassen”. Also “darüber hinaus” und nicht “anstatt”.
SPD: Sie ist geradezu stolz: “Die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP), deren Aufbau wir maßgeblich initiiert haben, wollen wir weiter ausbauen und stärken. Dabei achten wir besonders darauf, dass die Europäische Union neben den notwendigen militärischen Ressourcen vor allem auch über wirksame zivile Mittel der Krisenprävention und Friedensstabilisierung verfügt”. Sie sieht den den Vertrag von Lissabon als gute Grundlage für ein demokratisches und handlungsfähiges Europa und tritt nachdrücklich dafür ein, dass er möglichst bald in Kraft tritt. Also auch Militarisierung, aber doch “light”…
GRÜNE: Sie “wollen die EU als Zivilmacht stärken”, und eine Friedensagentur aufbauen, die den Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen unterstützt und die Schaffung von Sicherheit, einer funktionierenden Justiz und Infrastruktur garantiert. In der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik wollen sie “eine klare Priorität für Krisenprävention und zivile Konfliktbewältigung setzen”Aber: “Gleichzeitig muss die EU in der Lage sein, in Arbeitsteilung mit der Nordatlantischen Vertragsorganisation (NATO), die Sicherheit Europas auch mit militärischen Mitteln zu gewährleisten”. Die Aufrüstungs-Verpflichtung und die Verteidigungsagentur wird also nicht abgelehnt.
Sie kritisieren den überladenen Verfassungsvertrag und streben eine echte europäische Verfassung an in der Form eines “schlanken Grundlagentextes,der sich auf Werte und Ziele der Union, Grundrechte, Symbole und Regeln zu den Institutionen beschränkt, der die Bürgerrechte samt den sozialen Rechten garantiert und ökologische Nachhaltigkeit durchsetzt”. Den Vertrag von Lissabon sehen sie als einen ersten Schritt dazu an. Und dies scheint mir doch sehr unlogisch, denn der Vertrag von Lissabon ist ja genau so überladen und beinhaltet Dinge, die sie eigentlich nicht mittragen sollten.
FDP: Für sie ist “Rüstungskontrolle und Abrüstung sind als integrale Bestandteile der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik unverzichtbar… Primär geht es darum, durch politische Maßnahmen die Menschenrechte zu sichern, Demokratie zu fördern, friedliche Konfliktlösung zu unterstützen und bewaffnete Konflikte zu vermeiden. Militärisches Eingreifen kann immer nur das letzte Mittel sein”.Jedoch: “Um das europäische Gewicht in der NATO weiter zu stärken, muss der Ausbau der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) vorangetrieben werden”. Um etwas weniger Steuergelder zu verschwenden, “müssen in einem ersten Schritt Rüstungsentwicklung und Rüstungsbeschaffung im Rahmen der EU stattfinden”.
Also doch: Aufrüstung und Rüstungsagentur.
DIE LINKE: Sie lehnt den Vertrag von Lissabon ab und fordert “eine europäische Verfassung, die sich eindeutig auf die Sicherung des Friedens, zivile Konfliktlösungen und Abrüstung verpflichtet…”.
Wichtigste Aussage: “Die begonnene Militarisierung der Europäischen Union stoppen und stattdessen eine Politik umfassender ziviler Prävention, eine wirkliche Sicherheitspolitik, eine Politik der gemeinsamen solidarischen Entwicklung begründen und damit Konfliktursachen entgegenwirken. Abrüstung und Rüstungskonversion müssen auf die Agenda europäischer Politik. Anstelle der Aufrüstungsverpflichtung im Vertrag von Lissabon fordern wir, die sogenannte Europäische Verteidigungsagentur durch eine Abrüstungsagentur zu ersetzen”. Außerdem fordert sie die Einstellung der militärischen Auslandseinsätze.
Meine Schlussfolgerung:
Einzig im Programm der LINKEN sehe ich eine durchweg konsequente Friedenspolitik, ohne das “sowohl als auch” der anderen Parteien.